Godard`s Alphaville


Seit den frühen 50er Jahren begann sich im Genre der Science-fiction Filme eine Tendenz abzuzeichnen, daß eine zunehmende Zahl von berühmten und wichtigen Regisseuren die Science-fiction Form zu benutzen, um ihre Ansichten über die Gesellschaft, Menschheit , die Gegenwart und die Zukunft auszudrücken.
Einer von ihnen ist Jean-Luc Godard, welcher 1965 Alphaville stattfinden läßt in einer futuristischen Welt der Zukunft.

Godard`s Welt ist nicht voll von Fröhlichkeit und Glück; Alphaville ist beherrscht von einem totalitären System, in dem Individualität nichts bedeutet. die Menschen haben sich so entfremdet, daß sie keine Ahnung mehr haben von Kunst, Liebe oder eigener Kreativität. Die Menschen haben ihr Tun darauf reduziert, ihre zugeteilten  Rollen zu übernehmen, durch Nummern identifiziert zu werden, ohne eigenen Willen, Ideen oder Gefühle.  Gerade das findet man oft in der Science-fiction-Kategorie.
Godard`s Film folgt nicht vorbehaltlos  den konventionellen Mustern des Genres. Als Mitglied des französischen New Wave behauptet Godard seit seinem Debüt seinen individuellen und gut definierten Kinoblick. Eine  wichtige Besonderheit seiner Arbeit ist seine Betonung der zeitgenössischen Welt. Alle seiner Filme arbeiten mit modernen Männern: wir finden keine Rückkehr zur Vergangenheit in seiner ganzen Schaffenszeit. Die Prägung der Gegenwart kann man auch in seiner Exkursion in die Zukunft wiederfinden.
Alphaville ist weniger, was die Welt morgen sein wird - mehr was sie heute ist und was sie gradlinig werden wird, bevor unsere Augen es realisieren. In der Gegenwart und Vergangenheit sieht Godard die potentiellen Wurzeln der Welt der Zukunft  Deshalb hat die Story einen ermahnenden Hintergrund.
Von dieser thematischen Interpretation kommt die filmische Realisation: es ist formale Ausführung und ein visueller Aspekt. Dem Zuschauer begegnet nichts was ungewöhnlich oder außergewöhnlich erscheint, Godard verzichtete auf jedes futuristisches Element. 
Sein Alphaville der Zukunft ist das Paris von 1965, in welchem die entmenschlichende Atmosphäre durch die Kameraarbeit von Raoul Contard sehr gut ausgedrückt wird, welcher normal Gebäude und Glasgebäude in großen Kontrasten filmt, sehr schnelle Schnitte bei positiven und negativen Bildern macht und sich insbesondere Paris bei Nacht wirkungsvoll zu Nutze macht.
Der am ungewöhnlichsten erscheinende Aspekt des Filmes ist der Ton, insbesondere die monotone Stimme des regierenden Zentralhirns der Stadt Alphaville (der Computer), eine Stimme im Kontrast zur ein wenig einnehmenden Musik von Paul Misraki.
Eine charakteristische Eigenschaft des gesamten französischen New Wave war eine bestimmte Bewunderung für amerikanisches Kino - Es hat perfekte Kunstfertigkeit und hat die Fähigkeit zu unterhalten, bewegen oder mit Spannung und Ungewißheit Erregung zu produzieren.
In Alphaville ist Godard`s Ähnlichkeit mit dem populären Film zum Beispiel in der Auswahl von Eddie Constantine für die Hauptrolle erkennbar - der Zuschauer kennt ihn hauptsächlich von Gangsterfilmen - und in der dramatischen Struktur sind beide Filmarten beeinflußt durch die Reihen der Filme der 30er Jahre und durch Comics.
Eine weitere zutreffende Eigenschaft für Godard`s Führung ist seine freie Benutzung von Ideen und Ressourcen, ausgeliehen von anderen Filmen oder Kunstarten. Godard lädt diese gemäß seinen Bedürfnissen vor.
In Alphaville finden wir Verknüpfungen mit der Arbeit von Jean Cocteau in der Sequenz, in welcher Lemmy mit Alpha 60 spricht, die labyrinthischen Passagen, die sofort an die trügerische Welt der Geschichten von Frank Kafka erinnern, und wir finden eine Bezugnahme zum altem Mythos und der biblischen Geschichte von vielen Ehefrauen. 
Es gibt außerdem Bezüge zur unvergessenen faschistischen Vergangenheit, wie die eintätowierten Nummern bei jedem Einwohner der Stadt, der Name des Konstrukteurs des Zentralhirns (Professor von Braun), oder die Benutzung der jetzigen Räume des Pariser Hotels Continental, wo die Gestapo während der Besetzung  einquartiert war.
Diese Bezugnahmen im Film sind nicht zufällig. Sie wurden vorsätzlich ausgenutzt, um die Bilder zu erweitern und zu vertiefen und die Geschichte in andere relevante Ebenen zu verschieben.
Wie immer zerstören sie nicht die Integrität und den Zusammenhalt des Filmes, sogar wenn der Zuschauer aufmerksam darauf achtet.
Godard`s Film der 60er erhielt sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit und von einigen Kritikern Begeisterung, die beinahe übermäßig war.

Im Laufe der Zeit haben einige der Science fiction Filme ihre Einwirkung verloren. Das ist nicht bei Alphaville passiert, welcher ein Teil der kostbaren, aktuellen Science Fiction geblieben ist und einen Platz in der Kinogeschichte einnimmt.
 

Produktion: Chaumiane (Paris) und Filmstudio (Rom)
s/w , 35mm, Laufzeit 98 Minuten;
veröffentlicht 1965; 
 
produziert  von Andre Michelin, Regisseur & Schnitt Jean- Luc Godard, Idee Peter Cheney, Fotographien von Raoul Coutard, Bearbeitung Agnes Guillemot, Assistens Charles Bitsch, Jean-Paul Savignac und Helene Kalouguine
 
aufgenommen: aufgenommen Januar und Februar 1965 in Paris;
bester Film auf Film Festival Berlin 1965
Besetzung:  Eddi Constantin (Lemmy Caution), 
Anna Karina (Natasha von Braun), 
Howard Vemon (Professor von Braun), 
Akin Tamiroff (Henri Dickson),
Laszlo Szabo (Chief Engineer), 
Michael Delahaye (von Braun`s assistant), 
Jean-Andre Fieschi (Professor Heckel); 
Jean-Louis Comolli (Professor Jeckel), 
Alpha 60 (er selbst)

 
Für alle Nostalgiker unter uns, seit Mitte Dezember  läuft der Godard Film Alphaville wieder im Kino.
Wen es interessiert, der sollte sich mal umhören... wir haben hier die Erfahrung gemacht, dass natürlich nicht alle Kinos den Film zeigen... aber manche schon
Und hier noch ein paer Links, wo man was über den Film lesen kann:

http://www.neuevisionen.de/einzelfilm.php3?id=26
http://www.zeit.de/2001/41/Kultur/print_200141_godard.html
http://www.city-guide.de/kino/filmarchiv/alphavil.html
http://www.kino.de/default.asp?filme/main.asp?1000475
http://www.kino.de/default.asp?filme/credits.asp?1000475