Alphaville live in Riga (04.10.-05.10.2002)
geschrieben von Lady Bright, übersetzt von FAT, gespickt mit Zitaten aus diversen Alphaville Liedern
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„Now at the station, the train to another land…”, der Zug brachte mich von Moskau nach Riga, der Hauptstadt Lettlands. "I’m sitting by the window, staring into the night, just waiting for a foreign sound from the outside…”
Es ist ein wunderbarer Oktobermorgen, lau und sonnig, keine einzige Wolke ist am nahezu perfekten Himmel zu finden. Dieser Morgen verspricht der aufregendste Tag des Jahres zu werden. Heute werde ich das kostenlose Alphaville Konzert am Hauptkai von Riga besuchen. Organisiert hatte dies die Sozialpartei – einen Tag vor den Wahlen. „There may be something that you’ve never seen inside”. Ich bin voller positiver Gedanken und bereit, den Tag anzugehen.

Alphaville zu begegnen, war für mich immer eine große Freude. Beide Male (1998 und 2000) hatte ich genug Glück, um ganz dicht an die Band heranzukommen. Dieses Mal rechnete ich damit, nur ein Gesicht in der Menge zu sein, denn ich hatte keine Beziehungen. Meine einzige Erwartung war die Reise an sich, die Band nach langer Zeit mal wieder live zu sehen und ich wollte mir die Stadt Riga anschauen. Das war alles, was mir vorschwebte.

„Stranger in a strange land,” ich fühlte mich wohl, denn alle um mich herum sprachen meine Sprache. Ich ließ meine Tasche in einem billigen Hotel nahe am Bahnhof, in dem ich die nächsten 4 Tage verbringen wollte und dann „start walking into the light with my head above the clouds, eyes opened wide.“ Die Hauptstraßen von Riga sind eng und gewunden. Man bekommt des Öfteren einen falschen Eindruck davon, wohin sie einen führen. Wenn man so umherschlendert, kann man schnell mal in einen anderen Teil der Stadt gelangen, ohne es überhaupt zu bemerken. Glücklicherweise hatte ich einen Stadtplan und ich versuchte mit die Straßennamen einzuprägen, damit ich wusste wo ich schon war und was ich noch anschauen wollte. „People are drifting cross the surface,” es ist Freitag und 5000 Leute werden heute Nacht die Alphaville Show ansehen. Ich spüre das Gefühl von Freude und Glück, das in der Luft liegt, teilweise wegen dem Festival und teilweise wegen dem guten Wetter. Es ist ziemlich kalt, aber sehr sonnig, ziemlich untypisch für Oktoberwetter in Europa. Oder... es ist einfach nur meine Aufregung, dass ich die Dinge in so einem scheinenden Licht sehe.

Ich ging immer weiter und genoss alles, was ich sah, machte mir keine Gedanken mehr darüber, wo ich am Ende landen würde. „There’s no destination on this spiral highway!” Die rekonstruierten Gebäude sehen so toll aus, dass es mir manchmal den Atem verschlägt. Die Architektur Rigas ist sehr vielseitig, ein Mix aus verschiedenen Stilen. Das macht diese Stadt einzigartig und bewundernswert. Ich mache Fotos über Fotos mit meiner Digitalkamera und freute mich schon auf den Moment, an dem ich die Bilder in voller Größe an meinem Computer sehen würde. Ich denke an nichts anderes als an diese Straßen, „these glory roads of pure delight…“

Nachdem ich drei Stunden lang Riga erforscht hatte, bemerkte ich, dass ich das meiste des Zentrums gesehen hatte. So war es an der Zeit zurück zum Hotel zu gehen und mich für die Show fertig zu machen. Ich stockte an einer Kreuzung und wusste nicht genau, in welche Richtung ich gehen musste. Zuerst drehte ich mich nach rechts und ging ein paar Schritte. Aus irgendeinem Grund ging ich zur Kreuzung zurück und ging in die entgegengesetzte Richtung... "As if driven by some mystic power…”

"Walking up that lane,” begegneten mir ein paar sehr bekannte Augen, die mich ebenso überrascht ansahen. Es lag auch ein wenig Wiedererkennen in diesem Blick. „Is it a trick of my mind???“ Dieser durchdringende Blick, den man einfach nicht übersehen kann, gehörte Pierson, Alphavilles Drummer von 1998, der 1999 die Band verließ aber jetzt wieder dabei ist. „Here they come all dressed in black”  – Marian, Martin, Pierson und Christian, die gerade die Stadt erkundeten, so wie ich. Ich bin überwältigt von Ekstase und blieb eine Weile wie angewurzelt stehen, glaubte nicht so recht an das, was ich mit meinen eigenen Augen sah... mein CD- Player spielte weiter Alphaville...
 

In the stardust dawn underneath the crystal roofs 
Where the Solar Boys are playing games they never lose 
here the sailors are swaying through the Lightdomes 
Shining from the skies 
There you’ll meet me, darling, anyway

Hast du schon mal etwas geträumt, von dem du dir wirklich wünscht, dass es dir tatsächlich passiert? Bestimmt, und wenn man morgens erwacht, hat man so ein bittersüßes Gefühl, wie schade, dass alles nur ein Traum war. Meine Empfindungen und Bewegungen waren wie eingefroren, ich bin zu ängstlich zu erwachen und festzustellen, ich hab das nur geträumt und dieser Moment entschwindet wieder. „Hi Marian“, ist alles, was ich im Flüsterton rausbringe, als die Jungs gerade an mir vorbeilaufen. Marian –„such a kind of a legend to turn me on” - zeigt keine Regung, dass er mich erkennen würde, sagt einfach „Hi“ zu mir, als wenn es für ihn lästig wäre, alle 2 Minuten erkannt zu werden. Er braucht ein paar Augenblicke, um sich an mich zu erinnern. Auf einmal bin ich umringt von allen Bandmitgliedern, total verlegen in dieser Situation...

„Hey, ich erinnere mich an dich“, bricht Pierson diese unbequeme Stille. „Nicht an dich, sondern an deine Augen- aber damals hattest du rote Haare und nicht wie jetzt blonde! Deswegen hab ich dich angestarrt, als du mich auch angestarrt hast. Es ist nicht fair, dass du nicht einfach nur ein Mädchen bist, die sich einfach für mich interessiert, sondern ein Alphaville Fan!“ Unglaublich, es war 4 Jahre her und er erinnerte sich an mich, irgendwie ein wenig zumindest!!!. Ich bin extrem geschmeichelt, dass sich die Jungs nicht nur an mich erinnern, sondern mich auch warm und freundlich empfangen. Marian stellt mich zwei Männern vor, die die Band begleiten- einer von ihnen ist Alphavilles neuer Tourmanager, der andere ist der lokale Promoter. Ich kann mich nicht zurückhalten und sage Martin, wie viel besser er jetzt aussieht, jetzt wo er abgenommen hat und er umarmt mich wie ein alter Freund. Offensichtlich ist er zufrieden, dass die Leute seine Gewichtsabnahme registrieren. „Du bist heute Nacht meine Lieblingsperson“. Christian ist scheu wie immer. Alle sehen enthusiastisch und frisch aus, obwohl sie in der Nacht zuvor kaum Gelegenheit zum Schlafen hatten. 

Marian lud mich ein, die Band auf eine Tasse Kaffee zu begleiten. Und wir gingen zum Radisson Hotel, wo die Band wohnte. Wir überquerten die große Brücke über den Daugaya- Fluß, die das strahlende Zentrum und einen nicht so strahlenden Stadtteil mit Wohnhäusern miteinander verband. Nach nur wenigen Minuten waren wir in der Bar des Radisson. Ich brauchte definitiv etwas Wärme nach vielen Stunden in der Kälte. Wir sitzen am Tisch: Marian und Christian mir gegenüber, Pierson an meiner linken und Martin an meiner rechten Seite. Hinter ihnen kann ich die herrliche Landschaft des Stadtzentrums sehen. „Ain’t it strange“ – ein Traum wird wahr... ich fühle mich, als ob ich den ersten Preis im wichtigsten Wettkampf der Welt gewonnen hätte.

Christian schenkt meiner Kamera Beachtung, eine Nikon Coolpix 2500. Er bemerkt, dass er ein ähnliches Model hätte, Nikon Coolpix 750. Dieses dumme Gefühl totaler Freude erfüllt mich so total, so dass ich beinahe vergaß, Bilder zu machen. Die Jungs erzählten, lachten und zeigten eine Menge Energie. Die Mischung aus Britisch/Deutsch/ Russischem Humor entspannte mich und ich begann es zu genießen, mit meinen Idols zusammen zu sitzen. Sie sind immer noch die coolen Jungs, die ich vor 4 Jahren traf und haben sich nicht wirklich sehr verändert... wenn dann nur zu ihrem Guten!

Martin, Pierson und Christian gehen los zum Soundcheck, während Marian bei mir bleibt. „Here comes that GOLDen feeling!“ Marian nimmt mir mit seinen smarten Worten, die witzig und ernst gleichzeitig sind, die Verlegenheit und wir vertiefen uns in ein sehr persönliches Gespräch über Kreativität, Lieder schreiben, Konzerte, Stars, Kinder, Leute, die wir beide kennen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft...ich hab das Gefühl, als ob wir zwei gute alte Freunde wären, die sich nach langer Zeit wiedertreffen. Marian erinnert sich an so viele winzige Details, die Stars seines Rangs eigentlich nie bemerken. Er ist sehr optimistisch bezüglich der Zukunft und nachdenklich bezüglich der Vergangenheit. Seine Gedanken, sein Herz und seine Seele sind wirklich offen. Sein Blick ist von Kreativität und Inspiration erleuchtet, er ist voller Zuversicht, Hoffnung, Ideen und Glück. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass er momentan total glücklich ist.

Es ist beinahe unmöglich, nicht von ihm verzaubert zu werden. Ich bin in seiner Wärme, Offenheit und Aufrichtigkeit gestrandet. Das ist eine Art von Freiheit, die ich noch nie zuvor empfunden habe...“ I feel my spirits escape like a musical clock that’s dying away.” Plötzlich schaue ich auf Marian Uhr und bemerke, dass er vergessen hat, die neue Uhrzeit von Riga einzustellen. Es ist bereits eine Stunde später, als seine Uhr zeigt. Daher bin ich auch nicht überrascht, als ihn der Tourmanager plötzlich von mir entführt. Marian muss noch ein paar Interviews geben und sich auf das Konzert vorbereiten. Er dankt mir freundlich dafür, dass ich so viel Zeit für ihn hatte (wie süß!) und vergisst auch nicht, mir zwei Backstagepässe zu besorgen. Mein Freund Ivan aus Riga und ich danken ihm sehr dafür uns ich natürlich auch für die wundervolle Unterhaltung..“ we wave goodbye“ und er verschwindet wie ein schöner Traum… 

Ich schüttle mich selbst zur Kontrolle, dass ich nicht geschlafen habe. Dann verlasse ich das Hotel und mache mich auf den Weg zum Veranstaltungsort. Ich überquere die Brücke und gehe den Kai entlang, an dem das Festival sein soll. In der Zwischenzeit treffe ich Ivan, ein Alphaville Fan aus Riga, der mir sehr behilflich war. Mit den Backstagepässen, deren blau/weisse Bänder wir um unser Handgelenk gebunden haben, schleichen wir uns hinter die Bühne. Es sind bisher nur wenige Leute dort, die meisten davon gehören zur Security. Wir versuchen, die Stunden, die wir noch auf das AV- Konzert warten müssen, herumzubringen, trinken Bier, erzählen und hin und wieder nähern wir uns der Bühne, um den langweiligen lettischen Bands zuzusehen. Wir begegnen dem Bürgermeister von Riga, einen sehr hübschen Gentleman mittleren Alters, der fließend Englisch spricht und sich jedem gegenüber extrem freundlich gibt. Aufgewärmt vom Bier fangen wir an, uns etwas privilegiert zu fühlen!

Es wird dunkler und dunkler, wir frieren schon etwas, aber immer noch kein Zeichen von Alphaville. Um die Kälte auszuhalten wechseln wir vom Bier zum Kaffee und werden sehr schnell nüchtern. Schließlich gegen 21 Uhr sehen wir das Auto, dass die Band bringt, mit Ausnahme von Marian, der erst ein paar Minuten bevor er auf die Bühne geht, ankommt. Ich bemerke Rainer, der überwachende Techniker von Alphaville- ein sehr schöner deutscher Mann, der auch schon vor zwei Jahren in Moskau und Nizhny Novgorod dabei war. Er erkennt mich auch wieder. Er stellt mich einem neuen Crewmitglied vor, der für den Lichttechniker Rick gekommen ist. Sein Name ist Ralph. Er ist schüchtern aber freundlich. Und das ist noch ein weiterer Neuer, der Soundtechniker namens Wolf. Ich hatte aber keine Gelegenheit, mit ihm zu reden. Er ist noch schüchterner als Ralph. 

Laut Zeitplan sollte das Alphaville Konzert um 22 Uhr beginnen. Der letzte Act vor ihnen war Alexander Marshall (früher Gorky Park). Er spielte tatsächlich bis 22:30 Uhr und immer noch keine Spur von Marian. Die Menge war schon auf dem Weg müde und frierend zu werden, ausserdem hatten sie schon eine ganze Menge gesehen. Ich wunderte mich schon, ob noch jemand für Alphaville dableiben würde. Sogar die Band wurde schon etwas nervös. Plötzlich bemerkte ich ein großes Auto, welches den Star schnell zur Bühne brachte. Er stieg auch sofort aus und stieg die Treppe hinauf. Die Musiker folgten ihm. Ich erkannte, wie Christian seine Jacke auszog. Darunter trug er nur ein winziges T-Shirt. Ich warnte ihn, weil ich glaubte, es sei zu kalt dafür. Aber er lächelte mich nur an. Da wusste ich, es würde zu heiß auf der Bühne werden und er benötigte keine warmen Sachen.

Die Performance feuerte mit dem Energie geladenen „Guardian Angel“ los, was auf der Playliste einfach nur „Guard“ hieß. Das Publikum erwachte nach einer so langen Pause und was mich wirklich überraschte, es waren noch immer viele Leute dort. Die Leute tanzten, sangen und hatten eine Menge Spaß (ganz besonders die Besoffenen). Marian war lässig gekleidet. Er trug sogar das Gleiche, was er schon Nachmittags an hatte. Bevor Alphaville auftraten, durften die Leute, die einen Backstagepass hatten vor der Absperrung stehen. Aber jetzt leerten die Sicherheitsleute diesen Raum. Wir mussten am Bühnenrand stehen. Leider konnten wir von dort aus nicht sehr gut sehen. Ich versuche, ein Foto zu machen. Das Blitzlicht ist so heftig, und trotzdem nicht in der Lage, in der Dunkelheit etwas zu erwischen. Dafür killen mich die Sicherheitsleute deswegen beinahe. Den Rest der Show benehme ich mich still und unauffällig, damit ich nicht hinausgeworfen werde. 

Wir hörten die regulären Hits wie „Big in Japan“, „Forever Young“, „A Victory of Love“, „Sounds like a melody“ und die schnelle Version von „Dance with me“. Auch ein paar Salvation Hits wie „Wishful Thinking“ oder „Monkey in the Moon“ waren dabei. Marian hat für dieses einstündige Konzert weise die gut bekannten Hits ausgewählt und auf neuere Songs verzichtet. Auf der Playliste stand auch „Carry your flag“, was jetzt noch kräftiger klingt und sehr reizvoll arrangiert ist. Die Band verlässt die Bühne für einige Minuten und kehrt dann für eine Zugabe zurück. Dies ist dieses Mal „First Monday Of The Year 3000”. Das Publikum ist jedoch nicht besonders achtsam, ja sogar gelangweilt, da Niemand den Song kennt. Mich macht es verrückt, dass diese Leute nicht genug Respekt dafür überhaben, wie Marian das Stück präsentiert. Er legt sein ganzes Herz hinein. Der Song endet bald und die Band verlässt die Bühne 

Etwa 2-3 Minuten lang darf niemand Backstage gehen, dafür sorgen die Sicherheitskräfte. Marian will nach der Show niemanden sehen, was verständlich ist. Nicht mal der Bürgermeister von Riga mit seiner Frau, die ihm auch Guten Abend sagen wollen, kriegen diese Möglichkeit. Ein großes Auto bringt ihn so schnell weg, wie es ihn eine Stunde zuvor gebracht hatte. Traurigkeit- ist alles vorüber? Gleichzeitig ein Zeichen der Erleichterung – es ist wirklich vorbei, aber es war großartig und wir haben es sehr genossen!

Wir können endlich Backstage gehen und verbringen ein wenig Zeit mit den Musikern und Technikern, die sich nach der Show erholen und darauf warten, dass das Equipment abgebaut wird. Am anderen Ufer des Ddaugaya gibt es ein leuchtendes Feuerwerk zur Feier des Tages. Nach ca. einer Stunde verlassen wir den Veranstaltungsort und bemerken den riesigen Müllberg, den die Massen am Kai zurückgelassen haben. Morgen wird alles wieder ordentlich sein und die Autos werden dort entlangfahren, als ob Alphaville dort niemals gespielt hätten.

Am nächsten Tag beschließen wir, Alphaville noch mal vor der Abfahrt zu sehen. Wir laufen zum Radisson (ca. 20 Minuten entfernt von meinem Hotel), durchqueren die Altstadt und überqueren die Brücke. Wir warten etwa eine halbe Stunde in der Lobby bis wir die ersten Leute von der Band entdecken, Musiker und Techniker. Sie tragen ihre Taschen und melden sich ab. Ivan wartet auf Marian. Er ist begierig danach, ihn persönlich zu sehen. Und dann kommt er, frisch und lachend. Auch er meldet sich ab und erlaubt uns, ein paar Fotos mit ihm zu machen. Er signiert Ivans CDs dabei. Er ist freundlich und warmherzig wie immer. Zwei Autos warten auf die Band, um sie zum Flughafen zu bringen. Sie wollen schon abfahren, als wir eine große Tasche am Radisson Eingang stehen sehen. Wem gehört diese Tasche? Wir glauebn nicht daran, dass sie zu ihnen gehört. Dann steigt Marian noch mal aus und nimmt seine vergessene Tasche mit, lacht und scherzt über seine Geistesabwesenheit. „Ship is leaving right on time, empty harbour wave goodbye…”

Bis zum nächsten Mal, Alphaville? 
 

„What a glorious feeling… 
I’m happy again!!!”
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