25.1.2003 Alphaville live in Linz (Österreich)
geschrieben von Mags Kapitula (USA), Fotos ebenfalls von Mags Kapitula        übersetzt aus dem Englischen von FAT
xxx
In meinem Berliner Hotel klingelte lange vor Tagesanbruch des 25. Januars das Telefon. Verschlafen nahm ich den Weckruf entgegen. Danach setze ich mich auf, was nicht ganz einfach war, denn es war gerade 3 Stunden her, dass ich überhaupt zu Bett gegangen war. Ich machte eine schreckliche Entdeckung: mein Hals tat schrecklich weh. Oh nein, bitte nicht! Ich hatte nahezu 2 Jahre auf diesen Tag gewartet, jetzt durfte ich nicht krank werden. Warum, warum, warum...fragte ich mich immer wieder und beeilte mich, meine bevorstehende Reise vorzubereiten. Denke an Alphaville und nicht an die Halsschmerzen, ermahnte ich mich. Dank meines Zeitmanagements und mein beharrliches Denken an Alphaville, erreichte ich den Bahnhof Zoo. Noch 2 Minuten bis zur Zugabfahrt um 5:36 Uhr. Ich schlief die meiste Zeit der Reise nach Fulda, dann stieg ich um und es ging weiter nach Nürnberg. Als die Sonne endlich ihr Gesicht zeigte, starrte ich entzückte auf die malerische, deutsche Landschaft. Diese war so anders verglichen zu meinem aktuellen zu Hause auf der anderen Seite des Ozeans. In Nürnberg stieg ich in den Zug nach Linz. Das beste Stück der 10-Stunden-Fahrt war zwischen Passau und Linz, als sich eine ungarische Rechtsstudentin mir gegenübersetzte. Sie sprach Englisch und war auf dem Weg nach Budapest (die Endstation des Zuges). Es war die erste Unterhaltung, die ich seit meiner Ankunft in Deutschland vor einer Woche genoss, da mein Deutsch noch ziemlich schwach ist. Kurz nach Bogi kam schon Ling und ich fand, wir hätten noch über so vieles reden können. Sie wünschte mir eine tolle Zeit bei dem Konzert und ich stieg aus. Die kalte Luft ließ mich zittern. Wow, ich war in Österreich!
Trotz der Hilfe des Bahnpersonals, brauchte ich noch 2 Stunden, bis ich mein Hotel, den Steinberger Maxx, endlich gefunden hatte. Ob ich immer so lange brauchen werde, bis ich in fremden Städten mit dem Bussystem zurecht komme? Nachdem ich endlich in den richtigen Bus eingestiegen war, musste ich noch meilenweit laufen bis ich das Hotel gefunden hatte. Mein Magen knurrte und mein Rücken schmerzte vom Gepäck, welches bei jedem Schritt schwerer wurde. Dazu kam noch der kalte Wind und die Müdigkeit, was meine Halsentzündung noch verstärkte.
Ich ging zu Wollworth und wollte mir was zu Essen und ein paar Halsbonbons besorgen, musste mich aber mit Pfirsichgummibonbos und deutscher Schokolade zufrieden geben. Gott sei dank hatten sie wenigstens Halsbonbons! Ich war so dankbar, als ich schließlich das Hotel erreichte und ein bezauberndes Zimmer bekam. Ich gab einen Weckanruf für den frühen Abend in Auftrag, stellte mir selber noch einen Wecker und dann fiel ich in mein Bett und schlief ein.
 Mit einem Ruck setze mich mich auf. Wieso war es dunkel? Wie spät war es? Wieso hatte mich keiner angerufen und geweckt? Wieso hatte mein Wecker nicht geklingelt? Eine schreckliche Angst durchfuhr meinen Körper: HATTE ICH ALPHAVILLE VERPASST??? Hastig packte ich meine Uhr und war sehr erleichtert, als ich herausfand, dass es erst 19 Uhr war. Also war ich nur eine Stunde zurück in meinem Zeitplan und das Konzert hatte ich nicht verpasst. Ich zog mich schnell an und bewertete mein Aussehen im Spiegel. Ein erwartungsvolles Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit. Ich war im Begriff, Alphaville wieder live zu sehen! Seit der Show im April 2001 in Salt Lake City habe ich darauf gewartet! Glücklicherweise hatte mich die Aufregung meine Halsschmerzen vergessen lassen. Ich griff meinen Wintermantel und rannte die Treppe hinunter. Die Sekretärin sah mich und ihr gesicht sah plötzlich ganz schuldbewusst aus. „Oh, ich vergaß sie zu wecken! Das tut mir so leid!!!“ „Ist schon okay“, lächelte ich zurück, „Viel Spaß beim Konzert!“ „Danke, den werde ich haben!!!“
Als ich den Posthof erreichte, etwa eine Meile entfernt von meinem Hotel, war der Veranstaltungsort noch ganz leer.
Amüsiert dachte ich an die endlose Warteschlage 1999 bei dem ersten Alphaville Konzert in Salt Lake City und an die Menge Fans, die mir beim 2001er Konzert die Sicht versperrten. Dieses Konzert würde so anders werden, ich würde sogar etwas sehen können! Das Mädchen am Einlass wusste genau, wer ich war, das Mädchen aus Salt Lake City, das zahllose Emails geschickt hatte, um zu überprüfen, dass alles für ihr Alphaville Ticket in Linz bestellt war. Ich wartete 15 oder auch 20 Minuten bis die Türen zum Saal geöffnet wurden.
Es war so eigenartig für mich eine leere Halle zu sehen, in der eine Alphaville Show starten sollte.
Ich nahm die Clubatmosphäre auf. Meine Augen richteten sich auf die dunkle Bühne, die Mikrophone, die Keyboards, das Drums. Alphaville live...es gab nichts besseres. In ein paar Stunden würden Marian, Martin, Christian und Pierson erscheinen und der Zauber des Alphaville Livekonzertes würde mich über die Welt, so wie ich sie kannte, erheben. Aber noch war der Raum leer und würde sich auch sobald nicht füllen. Ich ging hinaus und beobachtete die ankommenden Konzertbesucher. Würde ich irgendjemanden hier kennen? Irgendwelche Mailinglistenmitglieder? Niemand kam mir vertraut vor und wenn schon das Berliner Deutsch schwierig war, so war das Österreicherische Deutsch ganz unmöglich zu verstehen für mich.
Nachdem ich viel in der Halle umhergegangen war, gesellten sich langsam mehr Leute zu mir und Musik aus den 80er Jahren wurde gespielt. Es tanzte ein wenig, klebte dabei jedoch weiter an der Bühne. Ich liebte es zur Musik der 80er zu tanzen und ich hatte seit 2 Jahren keine Zeit mehr dazu wegen meiner Arbeit. Am meisten in Erinnerung geblieben war mir der extended remix von Baltimoras Tarzanboy, es war lange mein Lieblingslied. “Take a chance, leave everything behind you, come and join me won’t be sorry, it’s easy to survive.” Ich wurde langsam ruhiger und ich dachte über die anstrengende Jobsuche in Berlin in der letzten Woche nach. Es war okay und ich war mir sicher, ich würde bald einen Job in Berlin finden und dann würde Berlin auch bald tatsächlich und nicht nur in Fantasie meine neue Heimat werden. Ich lachte glücklich jeden an, der um mich herum tanzte. Ich war verblüfft über den Verstand, den ich hier verspürte, auch wenn ich nicht viel vom Gesagten verstand. Endlich kam eine Pause. Ich erschauderte als sich ein mystische Wohlklang in der Halle breit machte und die Spotlights rüber zur Bühne strahlten. Ich hielt den Atem an. Aus der Dunkelheit kamen Pierson, Christian, Martin und unser geliebter Marian, der nur einen halben Meter vor mir stand.

Die Synth prickelten und mein Herz pochte, genau wie ich es 1999 zu Beginn der Show schon ein mal erlebt habe. “Time is fleeting, you can’t stop time…”, ich liebe die Liveversion dieses Songs. Marians Stimme schien wie ein Stern über der Instrumentierung. Martin und Christian lächelten strahlend und zeigen so ihre Heiterkeit, während sie Marians Stimme musikalisch umrahmen. Und ich? Eine Alphaville Show ist schwer zu erklären. Es mag kein besseres Gefühl im Leben zu geben, als bei diesen brillanten Künstlern anwesend zu sein und den lebendigen Puls der Musik zu erleben, den ich so viele Jahre schon verehre. Die Synth und ebenso Marians Stimme treiben mich in die Euphorie ...es ist so, als ob mein Leben an jedem Wort hängt.
Ich starre hinauf zu Marian, direkt über mir. „Bitte schau hinunter“, denke ich leise. „Du kennst mich Marian!“ Aber Marian schaut weiter in die Ferne und nimmt niemanden von den tanzenden Fans unter ihm wahr.  Ich lächle Martin und und frage mich, ob er mich wieder erkennt. Ich tanze weiter ohne Beherrschung, wiege mich langsam zum Hämmern der Musik. Manchmal stehe ich auch still, meine Arme ruhen auf der Kante der Bühne, mein Herz steigt weiter und weiter hinauf und ich hab das Gefühl, ich lächelte die ganze Zeit lang.
Die Websongs klingen live fabulös! Wirbelnde Synth kündigen Those Wonderful Things an, und ich bin verblüfft darüber, wie intensiv es klingt. Dieser Song ist toll tanzbar! Meine Nerven zittern wie die Vibrationen, die von der Bühne herüber kommen. Und Waiting fort he New Light ist ein weiterer erfurchtgebietender Dancesong. Ich hüpfe auf und nieder zum Schlag des Drums, singe leise jedes Wort mit Marian mit. Wie großartig kann doch das Leben sein, wenn man fantastische Livemusik zum ersten mal hört. Eine weitere außergewöhnliche Produktion war Shadows she said. Dieses Stück war sowieso eines meiner Lieblingslieder von den Websongs und live ist das Lied unglaublich! 
There’s no more place to go, the other bars are closed… Die Worte, die böses erahnen lassen, ziehen mich in eine Welt voller Fragen und ich sehe eine dunkle, geheimnisumwitterte Stadt vor mir. Die Musik klingt so sehr nach Alphaville, voll von diesen schwer bestimmbaren Sachen und Gefühlen jenseits dieser Welt, weshalb ich einst zum Fan wurde. In dieser Nacht bot Marian seine beste Performance von einigen Klassikern. Guardian Angel war so voller Funkeln und Energie. Helles weißes Licht erhellte die Figuren auf der Bühne und mein Bewusstsein über die Welt schien sich auf ein höheres Level zu erheben während ich gefesselt von der Musik tanzte. Als Sounds like a melody erklang, jubelte die Menge auf, als sie das Lied erkannten und wir tanzten alle aufgeregt eine Weile, verloren im Mitternachtstraum der Fantasie. Ein Österreicher neben mir bemerkte: „Ja, das sind Alphaville!“. Big in Japan war das Beste, was ich bisher erlebt habe, so perfekt! Die wunderschöne Interpretation von Carry your flag erfüllte mich mit Frieden. Ich lehnte mich dazu an die Bühne und starrte Marian verträumt an.
A Victory of Love war eines der Highlights der Nacht. Dieser Song live läßt mich erschaudern und der mystische Text entführt mich zu fernen Orten. Awaiting the shift in the air...und die Anwesenheit von Engeln...der Song begann ruhig und steigerte sich dann bis der Höhepunkt sein Zauber entfaltet und der Traum wird von Sonnenschein geflutet. Diese Vorstellung raubt mir den Atem. Aber der strahlendste Moment eines jeden AV- Konzertes ist auch für mich Forever Young – das Lied, das einst 1984 mein Herz eroberte. 
Als der ätherische Eröffnungsakkord durch die Halle strömte, schrumpften meine 26Jahre auf 8 zusammen und ich wurde wieder zu dem kleinen Mädchen von damals, das dachte, diese Töne sind die schönste Musik, die sie je gehört hat und die Stimme des Sängers sei die eines Engels. 
Let’s dance in style; let’s dance for a while.  Heaven can wait, we’re only watching the skies…wie viele Erinnerungen haben sich mittlerweile um dieses Lied herum aufgebaut, wie viele Kinder (wie ich) wuchsen mit diesem Lied auf?  Das Publikum sang mit Marian die unsterblichen Worte, wiegten sich langsam zu den Keyboardklängen. Wir waren zusammengeschweißt durch das gemeinsame Bewusstsein, was es bedeutet in den 80ern aufgewachsen zu sein und wie man diesem Traum treu bleiben und trotzdem diese düstere heutige Welt aushalten kann. Marian sang mit seinem ganzen Herzen und der zweite Refrain war gekrönt von den Trompeten. Mir traten die Tränen in die Augen...wenn diese Magie doch nur für immer anhalten könnte. Wieso ich ein Alphaville Fan bin? Weil Alphaville auf den Traum anspielen, der einen Funken Fantasie in dieser manchmal trostlosen Realität hervorbringt.
Alphaville verließen die Bühne unter tosendem Applaus. „Bitte kommt zurück, bitte, bitte, BITTE...kommt wieder“, dachte ich und jubelte und klatschte. Marian und Martin kamen noch mal für einen einzigen Song, die Ballade von Dance with me. Im Mondlicht erreichte ich den Garden of Delight in meiner Fantasie. Wenn doch die Musik nur für immer anhaltee würde...aber natürlich gibt es auch bei Alphaville immer eine Ende und der Traum, welcher sein Glimmen flüchtig enthüllt hatte, kehrt in den Schatten zurück.
Marian und Martin verließen die Bühne. Die Musik der 80er- Jahre erklang wieder und die Zuschauer tanzten. Ich war nicht länger in Stimmung dafür. Ich zog es vor den Abend mit Alphaville Musik in meinem Herzen abzuschließen. Ich verließ die Halle, ging die dunkle Straße in einer Winternacht entlang, aber meine Seele tanzte noch hoch oben auf den Wolken des Sommers. Ich würde diesen Morgen gut schlafen. So many dreams swinging out the blue, I’ll let them come true…Danke für den Traum, Alphaville.
x
...mehr Fotos     Voraussetzung: Mitgliedschaft in der Mailingliste