Ich bin von dieser Nelson Sache fasziniert, obwohl es niemals viele Informationen über dieses System der demokratischen-sozialen Gesellschaft gab. Fest steht, dass Alphaville in jener Zeit sehr idealis- tische Songs schrieben und aud diese Art versuchten, unsere Welt besser zu machen. Das hat sich mittlerweile drastisch geändert und die Songs wurden mit der Zeit persönlicher und reifer. (...) Was ist aus den Idealen/Träumen geworden? Existieren jene noch oder sind sie mit den Jahren verschwun- den? Grüsse, Peter
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> Das ist wirklich ein sehr interessantes Thema. (...) Ich habe eine Menge Interviews  gelesen, die mit Marian 1984 oder ein bisschen früher gemacht wurden, vielleicht auch ein Jahr später. Da war oft die Rede von Idealismus, Fantasie und politischen Engagement. Von Freunden und Arbeitskollegen weiss ich, wie das Leben auf diese Sichtweisen Einfluss nehmen kann (sicherlich kennt ihr das: nach ein paar 8 Std.-Arbeitstagen ist man froh, wenn man sich noch an seinen eigenen Namen erinnern kann und manchmal ist man einfach zu müde, um irgendetwas zu tun), aber, wie ergeht es einem Künstler? Kann ein Künstler seine Träume lebendig halten oder kennt er, so wie alle anderen, auch dieses Gefühl des "Älterwerdens"? Ariane
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Liebe Ariane, lieber Peter, liebe Leute!
Ich habe lang über Eure Fragen nachgedacht und als Antwort diese Geschichte geschrieben.
Marian Gold
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DER GESANDTE
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Es war einmal ein Traum und darin lebte ein Kind. Der Traum war so unglaublich groß, daß man ihn nicht einmal in Gedanken durchfliegen konnte. Und trotzdem dehnte er sich noch immer weiter aus wie eine unermessliche, schimmernde Seifenblase, gekrönt von einem strahlenden Regenbogen.
Außerhalb des Traums und zwar in einem Land, das man Wirklichkeit nennt, wohnte ein Mensch. Nach Wirklichkeit gelangt nur, wer geboren und bereit ist, die 7 Werke zu tun. Diese heißen Lernen, Lieben, Leiden, Genießen, Arbeiten, Kämpfen und Sterben. Im Gegensatz zum Traum herrschen in
Wirklichkeit die Naturgesetze. Es ist eine ziemlich verrückte Herrschaft. 
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Und was tat das Kind?
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Es spielte! Ideen regneten wie Sternschnuppen auf es hernieder. Ein Regen aus lauter funkelnden Dingen. Alles im Traum entstand aus dem Spiel des Kindes mit diesen Dingen. Sie waren die Bausteine seiner Welt und sie waren es, die sie beständig wachsen ließen.
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Und woher kamen diese Dinge?
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Sie kamen von dem Menschen. Er war, allerdings ohne es zu wissen, der Gesandte des Kindes. Warum das so war und nicht anders, ist eine andere Geschichte und sie wird bestimmt irgendwann noch erzählt werden, wenn sie nicht schon vor langer Zeit erzählt worden ist. 
Doch zurück zu dem Gesandten.
Er schöpfte Ideen aus Wirklichkeit und schickte sie hinüber in den Traum. Dort wandelten sie sich in wunderbare, goldene Spielzeuge. Darum wuchs der Traum unaufhörlich und mit ihm der Regenbogen und der Gesandte stand berauscht im Abglanz dieses prächtigen Farbenspiels. Das nannte er
Phantasie. Es war aber das Ewige.
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Nun gab es da ein Problem.
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Nichts nämlich ist umsonst in Wirklichkeit. Alle Dinge dort haben ihren Preis. Das ist ok., so bleibt letztlich alles im Lot. Man zahlt um zu lernen, zu lieben, zu leiden, zu genießen, zu arbeiten, zu kämpfen und zu sterben. Man zahlt für Wonne und Schmerzen, für Ersparungen und Erfahrungen,
für alles. Anfangs scheinen die Kosten gering, geradezu lächerlich, doch mit der Zeit steigen sie in schwindelerregende Höhen. Was zum Beispiel der Gesandte früher bedenkenlos an das Kind verschenkt hatte, wurde immer schwerer zu beschaffen. So entstand in ihm der Wunsch, das Wenige, Teure selbst zu behalten, anstatt es dem Kind im Traum zu geben, wo es doch nur damit spielte und nichts zurückgab, außer dem Glanz eines Regenbogens, einem Rausch, der einfach verflog. Wie bequem dagegen konnte man sich in Wirklichkeit mit all diesen schönen Dingen einrichten? Man konnte sie vor sich hinstellen und in aller Ruhe betrachten oder in die Hand nehmen. Und wenn man müde wurde, konnte man beruhigt schlafen gehen und am nächsten Morgen stünden sie immer noch da. Von nun an behielt der Gesandte alles, was er früher dem Kind gegeben hatte für sich.
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Da begann der Traum zu schwinden.
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Er erlosch wie ein langsam blindwerdender Kristall und auch sein leuchtendes Haupt, der strahlende Regenbogen, löste sich auf und verglomm zu weißer, von Vergessen hinweggetragener Asche. Doch der Gesandte bemerkte von all dem nichts, denn da er von seinen Schätzen nichts mehr abgab, konnte er auch den Traum nicht mehr sehen und erkennen, was mit ihm geschah. Hin und wieder
glaubte er, das Kind rufen zu hören. Manchmal klang es sogar, als weinte es. "Aber dieses Kind gibt es doch gar nicht," sagte er dann zu sich selbst und wußte schon nicht mehr, wie sehr er sich belog und warum. Irgendwann erlosch die Stimme des Kindes und von da an lebte der Gesandte ungestört in einem behaglichen Haus zwischen all seinen zu großartigen, schweren Folianten, dunklen, goldgerahmten Gemälden und Insektensammlungen voller aufgespießter Schmetterlinge geronnenen Ideen. Manchmal betrachtete er das große Bild eines Regenbogens an der Wand gegenüber und er erinnerte sich vage an ein Kind aus irgendeinem Traum. "So ein nettes Kind warst Du, so ein netter
Traum." Doch seine Erinnerungen welkten dahin wie er selbst. Sollte es sie nie gegeben haben?
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Die Jahre vergingen und der Gesandte wurde alt, uralt. Er vergaß vieles und zweifelte an allem übrigen. Er überlegte, wie es sein würde, wenn er eines Tages stürbe. Einmal schweifte sein müder Blick zu dem Bild mit dem Regenbogen, das, überschattet von all den langen, gleichförmigen Jahren, in einer staubigen Ecke des Zimmers an der Wand lehnte. Lange blickte er auf das Bild, ohne zu wissen warum. War es der Staub ringsum? War es das blätternde Gold des Rahmens? War es das Rätsel der Farben, die die finstere, tote Leinwand nicht mehr zu offenbaren vermochte? Was war überhaupt auf dem Bild gewesen? Seine Gedanken formten ein Wort, ein seltsames, fernes Wort, das er schon seit langem verloren hatte in den dunklen Verliesen seiner Erinnerung und das jetzt wie eine verirrte Fledermaus vor ihm herumflatterte. Der Name dieses Wortes war Hoffnung. "Ja, es gibt Dich, Hoffnung", flüsterte plötzlich etwas ganz tief in seinem Innern. Erschreckt horchte der Gesandte in die unaufhaltsam zurückflutende Stille. Es war die freundliche Stimme des Kindes gewesen, die da gesprochen hatte. Doch weil er sie nicht wiedererkannt hatte, hielt er sie für seine eigene und konnte
nicht verstehen, wer mit "Hoffnung" gemeint war. So verstrich seine letzte Chance. Und als er schließlich starb, gab es keinen Ort mehr, wohin er noch gehen konnte.
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Gedanken von Fans zu dieser Geschickte lesen