Wer hört ihn aus der Engel Ordnungen?
I n t e r v i e w  Süddeutsche Zeitung 17.04.2002

Immer noch und wieder einmal:  Alphaville"  sind auf Tournee, weil sie unsere Welt mit den Heilmitteln des Pop gesund singen wollen Münster hieß die ganze Welt, und sie wohnte in einem flauschigen Kopfhörer. Keiner wusste, wo dieses Münster lag, doch wer die Augen schloss und sich den von rechts nach links und retour wan- dernden Tönen, Geräuschen, Computerbeats anvertraute, der erlebte "Afternoons in Utopia", der war "Big in Japan" und vielleicht sogar "Forever young". Um nichts Geringeres nämlich ist es Marian Gold und Bernhard Lloyd zu tun, seit sie Alphaville gründeten: Ihr synthetischer Pop soll den Beweis erbringen, dass aus Verschlos- senheit Freiheit und aus erwachsener Trauer jugendliche Daseins- freude werden können.
Anfang der achtziger Jahre, als der Kalte Krieg den Rückzug in private Lebenswelten forcierte, verweigerten viele deutsche Gruppen der Neuen Deutschen Welle, die diesen Rückzug vorantrieb, die Gefolgschaft und sangen auf Englisch. Sie alle aber - ob sie nun King Candy, Les Immer Essen oder Fritz Brause hießen - tanzten nur einen Sommer. Zu wenig Eigenes hatten sie den Spaßmachern entgegen zu setzen. Einzig die beiden Jungs aus der westfälischen Provinz wagten den Sprung ins Pathos. Marian Golds in den Strophen männlich dunkle, in den Refrains androgyn hohe, zuweilen gefährlich schrille Stimme sang von den Verlockungen der Nacht, vom Jenseits des Kopfhörers. Dort zogen schwarze Hunde herrenlos durch die Straßen, hoben Engel schützend ihre Hände und war ein Zirkus nie fern. Der Glaube an Utopias heilende Wirkung hatte derart große Ausmaße, dass darin auch die Berliner Mauer und die nukleare Bedrohung ihren Platz fanden. Auf diese
Weise geerdet, konnten Gold und Lloyd schließlich in ihrem Song für die Ewigkeit, der natürlich eine Ode an die Vergänglichkeit sein musste, den wahren Satz aussprechen, es schmerze sehr, grundlos alt zu werden. Für immer jung sein schien nach diesem Bekenntnis minutenweise möglich.
"Salvation", das letzte reguläre Album, liegt bereits fünf Jahre
zurück. Mit "Guardian Angel" enthielt es einen rockig arrangierten Gassenhauer, der nach den Experimenten Richtung Swing und Rap auf den vorherigen Platten den Weg ins neue Jahrhundert wies. Zahlreiche Konzerte zwischen Peru, Salt Lake City, Lissabon, Moskau und Stettin trugen ebenfalls dazu bei, eine härtere Gangart einzuschlagen. E-Gitarre und Schlagzeug brachen die Dominanz des Keyboards. Im einundzwanzigsten Jahr ihres Bestehens und nach diversen Neben- und Solo-Projekten wollen Alphaville nun
anno 2002 ihre sechste Platte veröffentlichen. Sie wird denselben Titel tragen wie die in Nürnberg vor knapp 500 Zuschauern begon- nene Deutschland-Tour "Miracle Healing".
Noch immer also gibt es viel zu flicken und zurechtzurücken da
draußen, wo die Kopfhörer versagen: Das Wunder der Verjüngung blieb ebenso aus wie das Wunder des Friedens, das der schwär- merische Gold 1986 ausgerechnet an Jerusalem festmachen wollte. Siebenundvierzig Jahre, so geht das Gerücht, sei der Spiritus rector mittlerweile alt, doch das Tattoo auf seinem rechten Oberarm kennt keine Falten. Eine Schlange könnte es darstellen, ein Herz, einen Kampfhahn, und alles wäre richtig: Listig muss sein, wer den Wechsel der Gezeiten überdauern will, und leiden- schaftlich und mutig. In Nürnberg hat Gold sich für den Kampfhahn entschieden; er rockt und schwitzt, geht in die Knie und reckt die Fäuste zum Hallendach, stülpt Hände und Lippen nach vorne, als gälte es eine widerspenstige Welt umarmend in sich aufzusaugen. Berserker ist er und Einpeitscher, Macho und Hans- guck- in- die- Luft. Alphaville machen Heavy Metal Synthie Pop mit  Sendungsbe- wusstsein. Die Vermännlichung, die konsequenterweise einhergeht mit dem Verzicht aufs Falsett, bekommt nicht allen Liedern; "Jerusalem" ist kaum wiederzuerkennen, die Melodie von "Guardian Angel" zerschellt am Fels der Brachialität. Im Einklang sind Sänger, Drummer, Gitarrist und Keyboarder hingegen bei der schroffen und gerade deshalb faszinierenden Endzeit-Version des Klassikers "Big in Japan". Manga-Comics, auf die Leinwand im Bühnenhintergrund projiziert, verstärken das Klima sexistischer Bedrohung.
Beim Song zuvor illustrierte ein Zusammenschnitt bekannter Unsympathen von Stalin, Göring, Gaddafi bis Haider, Berlusconi, Arafat die Botschaft von der längeren Dauer des Kriegertums. Am längsten aber währt die Angst des Mannes, kein Kämpfer zu sein, sondern ein Menschlein, dem die Engel entglitten. Dann schlägt er um sich und macht Radau.                       ALEXANDER KISSLER