Interview mit Bernhard Lloyd von Atlantic Popes
Quelle: http://synthpop.by.ru/Interviews/Atlantic%20Popes%20interview%20(eng).htm (SyntheZ Observer)
Übersetzung aus dem Englischen von FAT

Hallo Bernhard! Danke, dass du dir für uns Zeit genommen hast. Lass uns das Interview mit eurem neuesten Song “The happy Waiter”, den man bei www.atlanticpopes.de kostenlos herunterladen kann, anfangen. Stilistisch erinnert es an den Alphaville- Song „Faith“, jedoch ist es nicht ganz so stark Reggae. Ist das eine sorgfältig ausgearbeitete Einleitung für das neue Atlantic Popes Album?
Ist der Song wirklich Reggae? Das habe ich nie so empfunden. Als ich jünger war (ich habe niemals jemanden gebraucht... sorry, fiel mir gerade mal so ein)...und das ist lange her... habe ich Reggae nie wirklich gemocht...und ich muss zugeben, ich habe meine Meinung darüber nie geändert.
Wenn es einen Alphaville Song gibt, den man mit „The happy Waiter“ vergleichen kann, dann ist das „Big yellow sun“ (die 1987er B- Seite von der  „Red Rose“-Single), denke ich. ...Dieser Song ist genauso entspannt und von glücklicher Stimmung... und gibt dir das gleiche Gefühl, dass dieser Song noch ewig weitergehen könnte...
Es wird ein weiteres Album von Atlantic Popes geben, aber ich weiß nicht, ob „The happy waiter“ drauf sein wird... und mit Sicherheit ist das Lied kein gutes Beispiel dafür, wie das Album klingen wird...

De facto bist du von Alphaville getrennt, obwohl es keine offizielle „Trennungs“- Bekanntgabe gibt. Wie kam es dazu, dass du dich entschieden hast, diese Ehe aufzugeben?
Nun...dann lass uns auf die offizielle Bekanntgabe warten... ich weiß, dass die Antwort auf diese Frage von Interesse ist und sie wird zum richtigen Zeitpunkt gegeben werden...

Es ist schon beinahe ein historischer Fakt, dass du ein Kräftebrecher bei Alphaville warst, dass du die Abgeschiedenheit vorgezogen hast. Woher dieses Verhalten?
Das ist sehr einfach...ich mag es nicht, auf der Bühne zu stehen... dort ist nicht der richtige Platz für mich...ich mache lieber Musik und Atmosphären, Gefühle und Träume an einem isolierten Platz, wo das wirkliche Leben meine Vorstellungen nicht stört. Es gibt mir nicht viel, vor der Masse zu stehen... und noch wichtiger: die Masse gibt mir auch nicht viel. Da ich kein „richtiger“ Musiker bin und ich spiele auch nur schlecht Keyboard...aber das beeinträchtigt nicht meine Fähigkeit, Musik und Sounds in meinem Kopf zu produzieren.
Aber das alles führt nur direkt zu der alten und sinnlosen Diskussion, was Musik wirklich ist.

Wenn du deine Memoiren schreiben würdest, was würdest du über das Kapitel Alphaville schreiben?
Die Frage müsste eigentlich lauten, ob es noch ein anderes Kapitel gibt? Um ehrlich zu sein...ich habe mit Marian (und niemand anderem) die meiste Zeit meines Lebens verbracht... daher würde die Antwort auf diese Frage ein ganzes Buch füllen...ich habe ziemlich gute Erinnerungen...und ich erinnere mich an vieles...gute Sachen (offenbar) und auch an ein paar schlechte Dinge...eine Kette falscher Entscheidungen beispielsweise.

Kommunizierst du noch mit J.F. Nelson?
Es ist kein Geheimnis, dass Leute älter werden... oder sich wenigstens verändern...täglich... und ich bin mit Sicherheit nicht mehr der selbe Junge, der ich vor 20 Jahren war... und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich je mit ihm geredet habe...es scheint vielmehr wie ein verlorener Traum...der Traum von einem besseren Leben... die Welt zu verändern...oder wenigstens UNSERE Welt zu ändern... aber tatsächlich nichts, absolut nichts (und niemand) ist den Weg gegangen, den uns J.F. Nelson gewiesen hatte...glaubt mir oder nicht...ich glaube immer noch an einige Worte, die J.F. Nelson sagte... vor langer Zeit.

War es Frank Mertens, der dich mit Ulli alias Max Holler irgendwo in den Dünen der Normandie bekannt machte?
Nein, das war nicht Frank. Nachdem er die Band verlassen hatte (frage J.F. Nelson, warum dies geschehen ist), hatte ich 14 Jahre lang keinen Kontakt mit Frank. Aber 1998 entschied ich, ihn mal zu besuchen, da ich daran glaubte, dass Menschen etwas über ihre „offene“ Beziehung herausfinden sollten... wenn man sich zum zweiten Mal trifft... Frank lebte damals in Paris... alles was ich sagen kann, ist, dass ich den Eindruck hatte, dass er nicht sehr glücklich schien, obwohl er ein ziemlich luxuriöses Leben führte. 
Ich traf ihn danach noch ein paar Mal und dieser Eindruck verstärkte sich...
Nun hab ich schon wieder seit 2 Jahren nichts mehr von ihm gehört.
Max habe ich zufällig getroffen und ich kann sagen, ich traf einen Freund.

Jetzt, da du ein Studiomeister geworden bist, würdest du sagen, dass dir die Solokarriere etwas besonderes gegeben hat, was du vorher vermisst hast?
Solokarriere? Wovon redest du ;-)
Nein, für mich ist es grundsätzlich das gleiche... ich kann an meinem Lieblingsplatz sein, zusammen mit Freunden, und das tun, was ich am liebsten mache. Es ist sehr einfach. Es ist mir egal, wie es letztendlich genannt wird...mich interessiert nur, dass es am Ende gut klingt und dass alle, die daran beteiligt sind, mit dem Resultat zufrieden sind!
...und bevor ich es vergesse: Der Weg ist das Ziel... das ist sehr wichtig für mich, mich von Zeit zu Zeit and die Denkweise zu erinnern... es führt meine Entscheidungsfindung.

Warum benutzt ihr diese Maskerade von religiösen Dingen? Vermutest du, dass dieses Bild passt?
Ja... es ist mit Sicherheit symbolisch für Atlantic Popes...was sollte anderes passen? Religion, Glauben und was Leute mit diesen wertvollen Dingen in den letzten 2000 Jahren getan haben, ist ein interessantes Thema, findest du nicht...
Die Leute werden vom Glauben angetrieben. Das ist Tatsache, behaupte ich...
Aber ich mag es nicht, Dinge zu erklären. Wenn du dir die Animationen auf der Atlantic Popes Webseite anschaust, solltest du „wissen“, was wir „meinen“

Du erwähnst sehr oft den erotischen Beigeschmack der Musik von Atlantic Popes. Um es klarer zu machen, was verstehst du unter der Anziehungskraft der Erotik?
Es hat sehr viel mit Max Gesang zu tun... ich finde seine Stimme ziemlich sexy...
Und es hat mit den Texten und Themen zu tun...wie in „Skin“ oder „Eyes“... die spielen mehr mit Erotik als mit romantischer Liebe... dies ist jedoch kein Widerspruch... nur ein anderer Standpunkt.
Und es hat mit den Themen zu tun, über die Max und ich während des Produzierens reden... und Themen, die sich von Alphaville- Themen unterscheiden...
Ich erinnere mich an die „Prostitute“- Produktion...wir haben nicht mal über dieses Thema redete... jeden Montag Morgem kaufte jemand sein Lieblings- Newsmagazin  „Der Spiegel“ und es war ausreichend voll mit schlechten Neuigkeiten, um uns für die ganze Woche in Depressionen zu stürzen...

Da „Dog“ mein Lieblingssong von Atlantic Popes ist, folgende Frage: War es der Versuch, Hunde von der Leine zu lassen (im übertragenen Sinne)? 
Eigentlich ist das gar kein Song über Hunde. Es ist mehr darüber, was für ein Gefängnis eine Beziehung sein kann.

Marian Gold machte den Hintergrundgesang von „Games“. Wer war der Initiator dieser Zusammenarbeit?
„Games“ wurde bereits 1990 produziert... damals im Lunapark- Studio... Marian kam vorbei... ich fragte ihn, ob er ein paar Hintergrundgesänge machen könnte... er hat das sehr gern gemacht...es war ganz einfach, kein großes Geschäft.
Marian ist der perfekte Sänger.

Dein Kampf für die Unabhängigkeit von den Plattenfirmen ist wirklich Respekt wert. Planst du, deine Werke ausschließlich per Internet zu propagieren?
Es ist der einfachste und unabhängigste Weg, dies so zu machen. Und ist es nicht logisch, dass so zu tun, wenn man keine Unterstützung von einer Plattenfirma bekommt...
Ich habe nichts gegen Plattenfirmen...es ist nur so, dass wir ein paar...hmmm...nennen wir es eigenartige Erfahrungen...gemacht haben.
ABER: wenn wir nicht vor 20 Jahren, den Vertrag unterschrieben hätten, würdest du jetzt nicht dieses Interview mit mir machen wollen... weil du mich einfach nicht kennen würdest...

Warst du jemals in der Vatikanstadt, um den Pabst John Paul II (Karol Wojtyla) zu grüßen?
Nein... und das werde ich auch nicht...dessen kannst du dir sicher sein!

Atlantic Popes haben bei der „True Faith“- Compilation mitgemacht und eine sehr eigene Version vom New Order Song „Ceremony“ gemacht. Wie war die Reaktion der Band darauf?
Um ehrlich zu sein...es gab fast gar keine Reaktion...aber ich bin trotzdem sehr glücklich mit unserer Version. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die New Order Single 1982 gekauft habe... ich glaube, es war ihre erste Single nach Ian Curtis Tod und dem Namenswechsel... ich fand die Single wirklich klasse... habe aber schon immer gedacht, das könnte noch besser klingen.

Du warst als Techniker bei der Eurythmics Single „Angel“ (1989) involviert und heute unterstützt du DJ MacAngel als eine Art überwachender Experte. Ich finde die Übereinstimmung der Worte interessant. Handelt es sich hierbei um Zufälle?
...augenblicklich produziere ich einen Song für eine deutsche Band und der heißt „Do you beliebe in Angels“...
Ich würde sagen, es sind Zufälle... oder noch besser: man findet kaum ein Popalbum, in denen nicht die Worte „love“ oder „angel“ vorkommen... und es passt zu der Sache mit den Symbolen...
Übrigens... die Zusammenarbeit mit den Eurythmics dauerte gerade mal 3 Stunden... sie hatten das Lunapark Studio gebucht, als sie bei ihrer 1990er Tour in Berlin einen Tag frei hatten...
Sie waren sehr effizient...sie nahmen den Gesang für diesen Song auf und machten gleich noch Liveaufnahmen für 3 andere Lieder...Dave Stewart mixte alle 4 Songs... und das alles in 3 Stunden...
Ich brauchte danach eine längere Pause, um mich von dem Treffen mit Annie zu erholen...

Ich habe eine Menge über dein Wagnis Vega gelesen. Welche Zigarettensorte hast du dort geraucht?
Marlboro Lights... ich weiß...sehr langweilig... wie jede Sucht....

Verrate uns was über deinen persönlichen Geschmack. Was hörst du gern?
Enya, Robbie Williams, Wolfsheim, Moby, Sylver.

Und zum Abschluss, werden wir die Resultate deiner Arbeit auf Alphavilles CRAZY SHOW hören, wenn diese am 29.01.2003 erscheint?
Ich habe nix zu tun mit der Crazy Show

Danke Bernhard für die exzellente Unterhaltung. Viel Glück!
Ich danke für das interessante Interview. Bis dann
 

(c) Synthez :: Observer 2002