Interview: Johan Arenbo, Zero Music Magazine (Schweden)
Hallo, Marian! Du wohnst seit langem in Berlin, einer Stadt mit einer langen Tradition von elektronischer Musik. Tangerine Dream sind Berliner, David Bowie hat das elektronische Meisterwerk Low hier aufgenommen, Synthiebands wie The Twins und And One haben ihre Wurzeln hier und jetzt gibt es eine große Electroszene. Hast Du eine Theorie,
warum Berlin, sozusagen, die „Hauptstadt der elektronischen Musik“ ist?
MG: Interessante Frage. Seit dem zweiten Weltkrieg ist Berlin eine ziemlich finstere Stadt mit einem besonderen Klima, und irgendwie passt dieses Klima gut zu elektronischer Musik. Und natürlich hat die Stadt einen besonderen Ruf seit den Siebzigern. Es ist vielleicht eine Mischung aus Tradition und Hype?

Du bist Ende der 70er nach Berlin gezogen. Wie war die Stadt damals?
MG: Berlin war eine Insel, ein Provinz, wenn Du so willst, eine Kolonie. Man konnte abhauen, nach Berlin gehen, die Tür hinter sich zuschlagen und seinen eigenen Phantasien mehr nachgehen als anderswo in Deutschland. Berlin war auch ein Anziehungspunkt für Künstler aus dem Ausland. Es gab damals eine sehr apokalyptische Stimmung in der Stadt, irgendwie eine Weltenderwartung.  Wir lebten an der Mauer und in den Häuserfassaden gab es Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg ...

Handelt das Stück „Summer in Berlin“ von dieser Zeit?
MG: Ja, definitiv. Ich habe versucht, die Stimmung einzufangen, die in der Stadt herrschte, wenn Sommer war. Ich war damals Ende zwanzig, das ist halt eine sehr wichtige Zeit für einen selbst. Der Song handelt von unglaublichen Gegensätzen. Alles, was in dem Stück als schön beschrieben wird, ist ja eigentlich gar nicht schön. Es geht um Asphalt, um Straßenkreuzungen und um Dreck in den Parks. Aber irgendwie war West-Berlin trotzdem eine wunderschöne Stadt. Die Stimmung war ganz besonders. Ich war öfters im SO36-Club in Kreuzberg und habe da wahnsinnige Aufttritte gesehen, unter anderem Suicide und die Dead Kennedys. Ich werde es nie vergessen, die Leute und die Energie, die da drin war. Es war eine phantastische Zeit und ich habe sehr viel Spaß gehabt.

Themawechsel. Wen nennst Du jetzt Alphaville-Mitglieder?
MG: Seit dem Weggang von Bernhard Lloyd besteht das neue Line-up aus Rainer Bloss und Martin Lister. Rainer habe ich Ende der 80er durch Klaus Schulze kennengelernt, und wir haben zusammen an den Alben The Breathtaking Blue und Prostitute gearbeitet. Martin ist ein Keyboarder und Komponist, mit dem ich auch schon seit langem zusammenarbeite.

Und ihr arbeitet jetzt an einem neuen Album. Was kannst Du zu den neuen Songs sagen?
MG: Im Moment versuche ich, die Musik zu vereinfachen, mit weniger Sequenzen und Instrumenten, um mehr Transparenz reinzubekommen. Der 80-er-Revival geht mir ziemlich auf den Wecker. In dieser Zeit liegen die Wurzeln unserer Musik, aber ich habe nicht vor, dahin zurückzukehren. Revivals interessieren mich überhaupt nicht. Leute steigen aus den Gräbern, um ihre alten Hits zum letzten Mal zu spielen und noch ein bißchen Kohle abzugreifen, das gefällt mir überhaupt nicht. Momentan interessiere ich mich mehr für minimalistische Musik.

Ist ein neues Best of-Album („Second Harvest“) in Zukunft aktuell?
MG: Naja, vielleicht wird es mal eine Anthologie, von meinen eigenen Alphaville-Lieblingsongs, geben, eine Platte die zeigt, wie unsere Musik sich entwickelt hat. So was in der Richtung wäre interessanter als noch ein Hits-Album.

Voriges Jahr hast Du mit Klaus Schulze zusammengearbeitet, und zwar als Sänger in einer italienischen Oper. Wie war das?
MG: Klaus hatte Musik für eine Oper geschrieben, und ich bin sehr dankbar und auch geschmeichelt, daß er mich in dieses Projekt mit aufgenommen hat, zusammen mit den richtigen Opernsängern. Ich war der
einzige Popsänger, die anderen ausgebildete Tenöre, Bässe, Altistinnen oder Sopranistinnen. Bei dieser Arbeit habe ich den Librettisten des Projekts, Hermann Schneider, kennengelernt. Das war auch anderweitig
inspirierend und hat dazu geführt, daß ich jetzt ich an einem Storyboard und an Musik für ein Musical über Alice im Wunderland schreibe, eine Geschichte die mich thematisch immer interessiert hat.

Du hast auch mit Klaus auf Crazy Show zusammengearbeitet?
MG: Ja, das stimmt. Mein Eindruck ist, daß Klaus ein bißchen aus seiner Nische rausgekommen ist, und ich aus meiner, und wir haben uns irgendwie in der Mitte getroffen und haben Musik gemacht, zu der keiner
von uns beiden alleine in der Lage gewesen wäre.

Welche Musik hörst Du gerne privat?
MG: Wolfsheim ist wirklich eine Klasse Band. Meiner Ansicht nach ist Peter Heppner der herausragendste Sänger Deutschlands. Seine Stimme ist einzigartig, ich kriege Gänsehaut wenn ich ihn höre. Er ist auch ein
sehr guter Texter. Es gibt auch noch eine dänische Band, Sparkling, die ich total super finde. Die haben vor uns als Vorgruppe in Kopenhagen gespielt, und ich war sehr beindruckt. Ihr Stil ist synthielastig mit
wunderbaren Melodien und knallharten Grooves und einem Sänger, der alles in den Schatten stellt, was in diesem Bereich abläuft. Und die sind keine Depeche Mode-Kopie, sondern eigen und unverwechselbar.

Wird es in Zukunft eine Zusammenarbeit zwischen Alphaville und Wolfsheim geben?
MG: Ich weiss nicht, wie das gehen sollte. Ich hasse wirklich Duette. Wir haben aber mit José Alvarez Brill (dem Produzenten von Wolfsheim) auf Forever Pop zusammengearbeitet. Das hat sehr gut funktioniert.

Themawechsel. Was hältst Du, als Musiker, vom Internet?
MG: Ich finde die Möglichkeiten des Internets interessant, es gebiert Projekte, die früher unmöglich gewesen wären; daß Leute die Entwicklung von einem Album mitverfolgen können - wie die Musik entsteht und wie
sich die Stücke verändern. So haben wir mit Crazy Show gearbeitet, unserem letzten Albumprojekt, das von 2001 bis 2003 gedauert hat. Leute haben sich online eingemischt und haben teilweise an den Texten
mitgeschrieben. Es war spannend, immer direkt eine Reaktion zu bekommen. Im weiteren Verlauf der Produktion hat sich dann gezeigt, daß die ursprüngliche Version nicht selten als besser aufgefasst wurde, als
die schlußendlich produzierte. Es ist mir klar geworden, was da eine Rolle spielt, also warum die Fans die Demos oft mehr lieben. Eine Produktion führt notwendigerweise dazu, daß die Songs stilisiert und gebändigt werden, und dieses Gebändigte nervt irgendwie, wenn man Vergleichsmöglichkeiten hat, wie das bei CrazyShow der Fall war. Der spartanische Demo-Charakter vieler Songs besitzt anscheinend einen
größeren Reiz als die großen „perfekten“ Produktionen.

Und ich habe was von einem Alphaville-Buch gehört. Kannst Du dazu schon einige Details verraten?
MG: Oh je, ich hab keine Ahnung, wann dieses Buch realisiert sein wird, ich hab so viele Ideen dazu und die müssen erst mal sortiert werden. Ich will eine möglichst unorthodoxe Biographie schreiben, es wird nicht
nur von dem realen Schauplatz Alphaville handeln, sondern auch von Phantasien und Träumen, die ebenfalls alle was mit Alphaville zu tun haben. Ich würde fast sagen: Alphaville besteht zu 90% aus Träumen und Phantasien. Die Alben sind nur ein Bruchteil dessen, was uns als Künstler ausmacht. - Fast alle Songs von uns haben einen starken autobiografischen Bezug, sie sind wie Tagebucheintragungen. Auch Stücke, die thematisch weit im Phantasiebereich liegen, sind eigentlich sehr stark verknüpft mit unseren damaligen inneren Zuständen. Es gibt immer klare, feste Bezüge zur Zeit, in der das Stück entstanden ist, natürlich für Aussenstehende oft unmöglich zu verstehen. Diese Bezüge aufzudecken und darzustellen, das könnte ein Aspekt des Buches werden. Einer oder mehrere Songs würden dann sozusagen die „Eckpfeiler“ eines
Kapitels sein.

Jetzt ein paar Fragen über die „gute, alte Zeit“. Früher hast Du Malerei studiert, stimmt das?
MG: Ja, ein paar Semester. Habe aber aufgehört, weil die Musik wichtiger wurde. Wenn Du gut sein willst in etwas, mußt Du Dich von morgens bis abends damit beschäftigen. Du mußt es ständig trainieren, genau wie ein Sportler. Heutzutage male ich nur mit meinen Kindern zusammen. Aber ich würde sagen, daß Malerei wahrscheinlich die Kunstform ist, die ich als Kritiker oder als Fan am kompetentesten kommentieren könnte, vielleicht kompetenter als Musik.

Forever Young war eine sehr elektronische Platte. Warum habt ihr mit Synthie Pop angefangen, und nicht mit Gitarren-basierter Wave-Musik?
MG: Weil wir keine Musiker waren, wir konnten eigentlich keine Instrumente spielen. Das es Alphaville überhaupt gibt, liegt daran, daß zu dem Zeitpunkt, als wir angefangen haben, Musik zu machen, eine
Technologie kam, die uns die Möglichkeit gab, unsere Ideen umzusetzen. Mit Synthesizern und Drum Loops konnten wir Songs zusammenbasteln. Diese „elektronische Revolution“ war sehr interessant. Es war eine
Aufbruchstimmung in der Musik, Ende der 70er Jahre, nach den Sex Pistols. Ich dachte mir, irgendwann wird es Bands geben, die mit Keyboards und Maschinen auf die Bühne steigen und genau das machen, was
die Sex Pistols oder Clash mit Gitarren gemacht haben. Wenn Du die ersten Alben von OMD hörst, sind die natürlich sehr von Kraftwerk beeinflusst, aber auch sehr amateurhaft und dilettantisch, und ich meine das ganz positiv. Als wir selbst angefangen haben, Musik zu machen, haben wir uns mit Absicht als „Dilettanten“ bezeichnet, wir waren stolz auf diesen Status. Wir haben gesagt, daß Alphaville ein Projekt von Dilettanten ist, also von Leuten die keine Musiker sind, keine festgelegten Instrumentalisten. Aber mich interessieren
eigentlich alle Instrumente. Für mich war es nie ein Dogma, nur Synthesizer zu verwenden.

Sind deswegen Afternoons in Utopia und The Breathtaking Blue weniger elektronisch geworden?
MG: Also, wir haben uns bei jedem Album immer wieder neu orientiert, weil wir auch immer wieder auf völlig neue musikalische Trips kamen. Das waren alles Experimente in eine für uns neue Richtung. Jedes neue Alphaville-Album war ein Schritt ins Unbekannte. Und wir haben nie am Ende das Album rausbekommen, was wir am Anfang geplant hatten. Nur so konnte z. B. The Breathtaking Blue, unser drittes Album entstehen. Sowas kann man nicht planen. So sollte man an keine Albumproduktion am Ende der 80er Jahre herangehen, indem man sich hinsetzt und anfängt, Swing-jazz-nummern wie „Anyway“ oder „Heaven Or Hell“ zu schreiben. Als die Platte fertig war, haben wir festgestellt, daß wir es dennoch gemacht hatten und ich finde, TBB ist künstlerisch eines unserer bedeutsamsten Album geworden.

Aber Salvation war wieder eine sehr elektronische Platte. Wolltet ihr zurück zu euern musikalischen Wurzeln?
MG: Ja, wir wollten eine Platte machen, die sich wieder stärker an das erste Album anlehnte. Das war der ursprüngliche, produktionstechnische Ansatz. Sehr viel Elektronik, sehr viele Synthesizer. Ein Journalist
hat geschrieben, Salvation wär das Album, das wir nach Forever Young hätten machen müssen. Mit Salvation hätten wir einen Kreis geschlossen. Aber genaugenommen unterscheidet es sich doch sehr von Forever Young.

Bis 1993 habt ihr kaum getourt. Warum?
MG: Der Grund war, daß wir in diesem Punkt sehr unterschiedlicher Auffassung waren. Ich war immer der große Verfechter einer Tour. Bernhard dagegen ist ein ziemlich introvertierter Bursche, für ihn war die Bühne ein einziger Alptraum. Ich finde, wenn man als Band eine funktionierende Einheit sein will, muss man so etwas akzeptieren. Daher fiel die Entscheidung, nicht zu touren.

Wie ich verstanden habe, bist Du ein großer Fan von David Bowie. Was hat er für Dich als Künstler bedeutet?
MG: Sehr, sehr viel. In den Siebzigern bin ich fast jede Woche in einen  bestimmten Berliner Club gegangen, wo er sich rumtreiben sollte. Hab ihn aber nie getroffen. Wenn ich ihn getroffen hätte, wäre ich 
wahrscheinlich in Ehrfurcht erstarrt. Bowie war DAS Idol für mich. Nicht Vorbild, aber Idol. Und ich bin immer noch ein großer Fan. Sein neues Album, Reality, finde ich unglaublich. Absolut empfehlenswert.

Ok, Marian, vielen Dank, daß Du Dir die Zeit für das Gespräch genommen hast.
MG: War mir ein Vergnügen.